Der ältetste Augsburger Begräbnisort ist der Judenfriedhof auf dem großen Exerzierplatz. Er verdankt dies dem Umstand, daß die in früheren Jahrhunderten um die Kirchen angelegten Gottesacker aus verschiedenen Gründen allmählich verlegt werden mussten und damit ihres altertümlichen Reizes beraubt wurden, während der Judenfriedhof seit seiner Entstehung (während des 30jährigen Krieges) - von einigen Erweiterungen abgesehen - sein altes Gesicht bewahrt hatte.
Im Gegensatz zu anderen alten Judenbegräbnissen macht er zwar beim ersten Anblick einen etwas monotonen Eindruck, weil ihm das Romantische fehlt, das ein wild gewachsener Baumbestand solchen Stätten des Friedens verleiht. Denn der magere Sandboden und das Fehlen jeglicher Baumvegetation in der Umgebung unterbanden die Möglichkeit, daß Wind und Vögel durch Verschleppung von Baum- und Sträuchersamen eine Bestockung verursachten. Der strenggläubige Jude selbst setzt dort weder Bäume noch Blumen, denn nach seinem Ritus darf man nicht da, wo Tote liegen, künstlich die Erinnerung pflegen. Der Friedhof ist für ihn das Symbol der ewigen Vergänglichkeit alles Irdischen, er soll das Bild des Verfalls zeigen. Kommt hier also der schönheitsbedürftige Naturfreund weniger auf seinen Genuß, so wird der heimatforschende Kulturhistoriker um so mehr entschädigt, denn schon die Vorgeschichte dieses Begräbnisses ist interessant: Die Juden die Anfang des 13. Jahrhunderts erstmals zu Augsburg nachweisbar in Erscheinung treten, hatten bis zu ihrer aus wirtschaftlichen Beweggründen erfolgten Ausschaffung i. J. 1438 den Friedhof außerhalb der Stadtmauer in der Gegend des heutigen Katzenstadels, der aber dann eingeebnet und in die Stadtbefestigung einbezogen wurde. Die Mehrzahl der Vertriebenen siedelten sich in den Vororten Kriegshaber, Pfersee und Steppach an [Anm.: Urkunden, dass eine kontinuierliche Besiedelung von Augsburg nach Kriegshaber z.B. erfolgt ist, sind nicht vorhanden, eher wahrscheinlich ist die Umsiedlung in andere Städte wie Ulm, Neuburg, Günzburg, was man an manchen Namen der Juden von Kriegshaber zu erkennen glaubt, wie Ullmann, Neuburger, Günzburger. Siehe dazu auch Sabine Ullmann: Juden und Christen in Dörfern der Markgrafschaft Burgau S. 66, Dissertation], weil diese Dörfer unter der Territorialhoheit der österreichischen Markgrafen von Burgau standen, welche die Juden der finanziellen Einnahmequelle und Ausbeutungsmöglichkeit wegen zunächst nicht ablehnten. Innerhalb der Markgrafschaft gab es damals nur in Burgau und Thannhausen ein Judenbegräbnis, so daß also die Verstorbenen einen ziemlich weiten letzten Weg noch auf der Achse zurückzulegen hatten. Erst im Pestjahr 1627, wo der lange Transport nicht mehr rätlich erschien, entstand - wohl nicht ohne Genehmigung der Burgauischen Regierung (in Günzburg) und gegen entsprechenden Grundzins - auf der "Viehwaydt" bei Kriegshaber der dritte "Juden-Totenacker". Dagegen verwahrten sich alsbald die Ortsvorsteher des benachbarten domkapitelschen Dorfes Stadtbergen bei ihrer Grundherrschaft, dem Augsburger Domkapitel, das sofort beim Burgauischen Oberamt Protest einlegte, doch ließ der Krieg die Sache wieder einschlafen. 1695 gestand dann das Oberamt gegen entsprechende Bezahlung eine Vergrößerung des Gräberfeldes zu. Aber die relativ starke Zunahme der Judenschaft und das rituelle Gebot, ein Judengrab nicht nochmal zu belegen, um die Ruhe der Toten nicht zu stören, machten 1722 wieder eine Erweiterung nötig.
Jetzt protestierten die einschlägigen Grundherrn, nämlich die Reichstadt Augsburg, das Domkapitel und die Vertretung der Adeligen, welche die landeshoheitliche Überordnung der Markgrafen nie in ihrem ganzen Umfang recht anerkannten. Denn das Oberamt habe nach ihrer Ansicht kein Grundeigentum, könne also hierin auch keine Verfügungen treffen. Aber die Burgauischen ignorierten alle Einwendungen und gaben sogar wegen einzelner Grabsteinbeschädigungen Auftrag zur Errichtung eines Wachhäuschens. Die Gegenparteien ließen durch ihren Notar neuerdings Einspruch erheben und die Demolierung des bereits begonnenen Baues drohen, der eine höchst gefährliche Herberge "für daß hayllose Gauner- und anders nichtsnuzige ohnedeme, dem armen Landtmann bißhero höchst beschwärlich gewesten Gesündels" werde. Als dann der Bau bis zum ersten Stock gediehen war, rückte früh morgens der Notar mit 20 Arbeitern an und ließ unter Bedeckung von Militztruppen die Mauern bis zum letzten Stein niederreißen. Gegen diese Verletzung des österreichischen Territoriums nahm das Oberamt scharfe Stellung, ließ den Notar unter einem Vorwand nach Kriegshaber - auf österreichischen Boden - locken, ohne weiteres festnehmen und in Burgau einsperren.
Der Riesenprozess, der sich daraus entwickelte, kam bis vor Kaiser Karl VI. Nach zwei Jahren erschienen zwei kaiserliche Kompanien von Konstanz mit etwa 20 Maurern und Zimmerleuten auf dem Friedhof und stellten nach kurzer Zeit den Bau wieder vollständig her. Erst im Jahre 1794 wurde durch Kaiser Franz II. der immer noch schwebende Prozess "aus besonderer Gnade" aufgehoben. Heute ahnt man kaum, in welchem Grade dieses schlichte Wärterhäuschen seinerzeit landesrechtliche und grundherliche Rechte und Belange durcheinanderwirbeln machte.
Aus noch vorhandenen Landammans-Abrechnungen, sowie aus den jüdischen Memorbüchern von Pfersee und Kriegshaber ist ersichtlich, daß der Friedhof zeitweise außerdem auch die Toten aus Steppach, Fischach, Binswangen, Buttenwiesen, Siegertshofen, Emmersacker, Schlipsheim und bis 1868 auch aus Augsburg aufzunehmen hatte. Sogar aus der Kurfürstlichen Residenzstadt München wurden die verstorbenen Juden hieher überführt, bis die dort die von Herzog Albrecht gesperrten Bestattungen um die Wende des 19. Jahrhunderts wieder erlaubt wurden. So berichtet ein im Kriegsarchiv verwahrter Akt von dem 1767 in München verstorbenen kurbayerischen Hoffaktor und Armeelieferanten Abrahm Mändle aus Kriegshaber, der sich bei Lebzeiten meist am kurfürstlichen Hof aufgehalten hatte, daß die Leiche auf Befehl des Kurfürsten [Max Joseph III.] durch zwei Soldaten seines Leibregiments bis zum Judenfriedhof von Krieghaber begleitet werden mußte.
Was den Gesamteindruck der Begräbnisstätte anbetrifft, so lassen die ältesten Grabsteine im südwestlichen Teil durch ihre Aermlichkeit erkennen, daß damals die soziale Lage der Juden noch eine sehr prekäre war. Mit zunehmenden Wohlstand prägen sich allmählich die herrschenden Zeitstile deutlicher aus, worin die öfter bestrittende Bodenständigkeit der Judenschaft mit der heimatlichen Erde deutlich zum Ausdruck kommt. Indes berührt die Einheitlichkeit und Schlichtheit der Grabsteine überaus wohltuend, den nach alt-jüdischer Anschauung ist im Tode jeder gleich und pompöse Grabmonumente der Reichen sind nicht immer ein Gradmesser der Trauer; sie wirken unter Umständen unsozial niederdrückend auf die Minderbemittelten, wie Dr. Weinberg einmal schrieb.
Aus der Periode des leicht beschwingten Roko fällt ein Rabinergrabstein durch seine entzückende Linienführung in die Augen. Mit dem Vordringen des Klassizismus formt auch das Empire eine Gruppe von Grabdenkmälern, darunter finden wir den Namen des Vorstandes der Augsburger Kultusgemeinde, Karl Obermeier, der gleichzeitig durch lange Jahre bis 1869 das Ehrenamt eines Obersten und Kommandanten des Augsburger Landwehrregimentes bekleidete.
Verschiedene Grabsteine weisen neben heraldischen Wappen auch symbolische Zeichen auf, wie die segnenden Hände bei Nachkommen aus dem Priesterstamme, die Waschkanne bei Leviten, das Mohelmesser des Beschneiders, das Gebetshorn des Schofarbläsers und die Krone der Wohltätigkeit. Erwähnenswert ist auch das Attribut "Codausch", d.i. "Heiliger" auf dem Holzdenkmal eines von fremder Hand Getöteten.
Aus Dürrwangers Entwurf der Ortsgeschichte von Kriegshaber.