An die von 1301-1806 dauernde Periode der österr. Herrschaft in Kriegshaber erinnert heute noch ein markanter Bau, dessen Vorgeschichte und wechselvolle Verwendungsart der Erwähung wert sein dürfte.
Als nämlich die vorderösterreichische Markgrafschaft Burgau, deren Grenzort - gegen die freie Reichsstadt Augsburg zu - unser Kriegshaber darstellte, ihre fiskalischen Organisationen allmählich besser ausbildete, führte sie 1583 in der Nähe der heutigen Synagoge auf der damals übermäßig breiten Landstraße - es stand hier kein anderer Grund zur Verfügung - ein Gebäude auf und schob zur besseren Erfassung der Zollgefälle die um 1570 in Steppach errichtete Zollstelle dorthin vor. Ein in den von Kriegshaber begüterten adeligen und bischöflichen Grundbesitzern dagegen beim Kaiser eingelegter Protest verhallte wirkungslos.
Der Bau diente indes nur 70 Jahre seiner eigentlichen Bestimmung, denn anno 1653 wurde er vom Burgauischen Oberamt, das der finanzillen Aus- und Rückwirkungen wegen die Judensiedlungen stark begünstigte, um 750 Gulden einem Schutzjuden überlassen und der damalige Zöllner in sein eigenes Söldnerhäuschen verwiesen, wo er seine amtliche Tätigkeit weiter auszuübern hatte. 1694 teilte man dem Zollbeamten von Kriegshaber den alten Zollgarten in Steppach "in partem solariii" und 1729 auch noch den "herrschaftlichen" Garten in Kriegshaber selbst zu.
Im nächsten Jahre ging das Oberamt daran, für ein neues Zollhaus einen Bauplatz zwischen dem Hospitalwirt (Marstaller) und dem mittleren Bauern auszustecken, ließ sich dann aber "durch nachbarliche guete Verstandnuß" auf einen Tausch (*)ein, "weil der Platz nicht so bequemlich und an Licht für beider etwas behinderlich geschienen". Hiebei trat das Hospital einen Acker ab, so 100 640 Creuzschuech in sich begreifft / und gegen Aufgang an Mathesen Gleichen Spitalischen Acker / gegen Nidergang an deren von Kriegshaber Gärten / gegen Mittag an die Viehwaydt / das Unebere, genannt / und gegen Mitternacht an die Landstraß stoßet". Dies war der auf einem Grundriß von 1724 als "des Herrn Zollers Anger" bezeichnete heutige Kircheplatz. Dafür hatte das Oberamt dem Hospital ein an der Schmutter gelegenenes 77 720 Schuh großes Maad und einen Platz "zu einem Gärtlein bey der Roß-Wettin" (der kleine Wirtschaftsgarten am heutigen Bollenplatz hinter der Apotheke) überlassen.
Das Zollhaus kam jedoch nicht auf die erwähnte Fläche, sondern etwa an die Stelle des heutigen Schulvorgartens zu stehen. Aber in Wirklichkeit war die Notwendigkeit eines Zollhauses nur Vorwand, denn das Ordnungsamt wollte lediglich den Schutzjuden Lazarus Günzburger, der zu diesem Bau bereits das Geld vorgeschossen und sich auch wohl sonst erkenntlich gezeigt hatte, unterbringen. Er bezog das Zollhaus tatsächlich auch und der kaiserliche Zoller blieb nach wie vor in seinem Söldnerhäuschen.
Anno 1708 wurde dann das angebliche Amtsgebäude an die Schutzjuden Joseph Mendle und Aaron Levi von Kriegshaber und Moses Levi von Steppach und ihren Erben "zu Bestand verliehen" mit der Auflage, es zu räumen, falls es einmal ein Zoll- oder Amtshaus benötigt sein sollte. Den Schutzjuden gestattete man ferner in Anbetracht ihres umfangreichen Pferdehandels hinter dem Amtsgebäude an Stelle des von den Franzosen im Spanischen Erbfolgekrieg ruinierten Stadels einen Stall zu bauen.
Als 1729 wegen schlechten baulichen Zustandes dieses "Amtshaus" einstürzte, wurde daneben ein Neubau aufgeführt, der noch als derzeitige Polizeistation erhalten ist. Man erkennt an dem in den Weg vorgeschobenen Erker mit dem überwölbeten Eingang, ferner an der schwer-eichenen quadrierten Türe und an dem schwungvoll übersetzten abgewalmten Mansarddach den ehemaligen Amtscharakter des Gebäudes. Seine Erbauungszeit wäre übrigens, wenn sie nicht aus archivalischen Quellen nachgewiesen werden könnte, aus dem prächtigen Rokoko-Stiegengeländer und der besonders auffallenden Dachform feststellbar. Denn diese war unmittelbar zuvor durch die wegen Religionsschwierigkeiten aus Frankreich geflohenen Emigranten zu uns verpflanzt worden. Einige Türen des schlößchenartigen Gebäudes weisen ferner noch graziös geschnittene Türbänder auf und das östliche Erkerzimmer im Oberstock zierte bis in die letzten Jahrzehnte - wie heute noch beim Marstaller - ein österreichischer Doppeladler als Deckenstukkatur. Leider wurde dieser Deckenschmuck beim Einziehen einer Zwischenwand heruntergemeißelt, da die damalige Bauleitung kein Verständnis für solche historischen Werte aufbrachte.
Mit dem Aufzuge des vorderösterreichischen Jurisdiktions-Vogtes Strebele um 1750 tritt dann das kaiserliche Hochzoll- und Gerichtsvogteiamt in Kriegshaber auf den Plan und bleibt bis zur Übernahme durch Bayern in Wirksamkeit. Diese Gerichtsvogtei muß ein sehr begehrtes Amt gewesen sein, denn als 1804 der österreichische Jurisdiktionsvogt und Hochzoller Södelmayer in Würdigung seiner 45jährigen Tätigkeit mit dem vollen Gehalt von 550 Gulden pensioniert wurde, gaben zahlreiche Juristen um diese "Pflegei" ein; darunter ein Syndikus und Doctor Juris aus Burgau, ein Obervogt aus Horb, ein geprüfter Rechtskandidat, ein Oberamts-Akzessist, ein Landesoberkommisar-Assistent, ein prov. Oberamtsrat usw. Die Stelle erhielt der Gerichtsvogt Hehl, der auch nach dem Übergang der Markgrafschaft Burgau an Bayern noch bis zur Errichtung des kgl. Landgerichtes Göggingen als bayerischer provisorischer Gerichtsvogt in Kriegshaber tätig blieb und als bayer. Landgerichts-Assessor in Augsburg verstarb.
Als dann der große Korse Napoleon die Karte Europas nach seinem Kopf zusammenstellte und Kriegshaber bei der Einverleibung in das aus Napoleons Gnaden neugeschaffenen Königreich Bayern seine vorderösterreichische rot-weiße Landesfahne mit der weiß-blauen Raute vertauschen mußte, kamen bei der formlosen Übergabe 2 Amtsignate, eine eisenbeschlagene Amtskasse, 2 Schellen zur Einführen von Gefangenen, ein Säbel für den Untervogt und ein "spanischer Mantel nach der abgewürdigten Strafart" zur Anlieferung. Letzterer bestand aus einem ziemlich hohen umgekehrten Holzschaff, aus dessen Boden ein Loch herausgesägt war, so daß der spanische Mantel den "an den Pranger gestellten" über dem Kopf gestülpt werden konnte. Auf der Außenwand dieses Schaumales befanden sich Abbildungen der einschlägigen Straftaten.
Als schließlich mit Einführung des allgemeinen Schulzwanges das bisherige Schullokal den Bedürfnissen nicht mehr genügte, erfolgte im Auftrag der bayerischen Landesdirektion zu Ulm die Extradition des zu Verwaltungszwecken nicht mehr benötigten Gerichtsvogteigebäudes an die Gemeinde Kriegshaber zur einstweiligen Benützung als "Elementar- und Industrieschule". Kriegshaber mußte die darauf lastenden Steueranlagen übernehmen und 3 Proz. des eidlichen Schätzwertes (2300 fl.) an die königliche General- und Mauthdirektion durch das Hallamt Augsburg abführen. Um 1200 fl. kam endlich das Gebäude Anno 1818 in den Besitz der Gemeinde.
Nahezu ein Jahrhundet hatte das ehemalige Judenhaus Schulzwecken gedient, bis es nach der Eingemeindung nach Augsburg 1916 mit dem lebensnotwendigen Betriebe einer Polizeistation belegt wurde. Seine originelle Vergangenheit und sein apartes äußeres Gepräge rechtfertigen das Interesse, das jeder- der seine Heimat liebt - an ihm nehmen muß.
(Aus Dürrwangers Entwurf einer Ortsgeschichte von Kriegshaber)
(*) D. i. der Grund, auf dem heute die beiden östlichen Schulgebäude und das Feuerhaus stehen. Die Bezeichnung "Herrschaftlich" bezieht sich auf die vorderöstereichische Oberherrschaft in der Markgrafschaft Burgau, ähnlich wie man später Staatsgründe als königliches Areal usw. ansprach.