Inhaltsangabe des Quellenforschungs-Ergebnisses über
Die Juden von Augsburg-Kriegshaber von Dr. Luis Dürrwanger
Einleitung: Die Geschehnisse der schon durch ihren eigenartigen
Baukomplex in die Augen springenden Judensiedlung von Augsburg-Kriegshaber
bilden zugleich die Geschichte der Juden von Augsburg und dessen Handels-
und Wirtschaftsgeschichte, sowie — durch die Beziehungen einiger Juden
aus Kriegshaber zum bayer. Hof — einen Beitrag zur bayerischen Landesgeschichte.
Infolge der Contingentierung der Münchener Juden und der Sperrung
des Friedhofes stand für viele von dort die Wiege und der Sarg in
Kriegshaber.
Terminus a quo: Ablehnung der Literatur über angeblich
mit römischen Legionen ins Land gekommenen jüdischen Händlern,
sowie des Grabsteines eines röm. Purpurwarenhändlers Cleuphas
als Jude. Weder Chlotars Gesetz von 614 noch das Carolingische „Capitulare
de Judaeis“ ist auf unsere Gegend beziehbar. Die Angabe von einem
jüdischen Grabstein aus dem 4. Jahrhundert ist Literatur-Druckfehler.
— Raffelstädter Zollordnung v.903: ‚legitimi mercatores idest judaei“.
— Kaiserl. Reichslandbriefe 1103: Juden „befriedete Leute“. Bericht d.
Rabbi Effraim ben Jakob über eine Augsburger Jüdin „Guthalda
aus „Ispurk“ 1147 (= falsche Zuschreibung.) — Testament des Rabbi ben Jehuda
Hachasid 1200. — Jude Joseph von Augsburg 1212 in Würzburger Urkunde
— 4 jüd. Grabsteine 1232 ff Bild eines Grabsteins v. 1293. Reichssteuer-Matrikel
1241: „Judaei combuts“. Judenschutz 1266 König Konrad.
Quartier und Gemeindeverhältnisse: Tanzhaus 1291, Bad,
ältestes Ghetto. Judensiegel 1298 (Bild).
I. Eingliederung:
Lemblinus civis 1297. Kammerknechtschaft. Schröpfungen.
Augsb. Stadtrecht 1276 über Judenrechte. Ganz ungewöhnliche Ausnahmestellung
des Juden Vivelmann 1433.
Rechtsverhältnisse und Kriminalistik„a suis paribus
et non ab allis judicentur“. Privileg Friedrich 1117. Exemption.
Laienspiegel 1511. Schlechtere Behandlung in Strafjustiz. Fleischliche
Vergehen. Achtbuch 1355. Falsche Unterstellung durch ein Archivorgan
über diesen Achtbucheintrag (also bewußte Fälschung!) Bilder:
Juden im Sachsenspiegel. Ermordung eines Juden (Einblattdruck).
Erwerbsleben: Verschuldung bayerischer Herzöge und der Stadt
Augsburg an Juden (Lichtbild dieser Urkunde mit Judensiegel von Lämblin),
jüd. Schulmeister, Zinswucher, Handel.
II. Austreibung und Abwanderung
Verfolgung: Judenbrand 1270 ff. „Schwarzer Tod“, jüd. Filialgemeinden
(wejischuweho)
um Augsburg herum, Steuerregister 1439. Ausweisung.
Judenabzeichen: Judenhut auf Glasgemälde, an Kirchenportal.
III. Ausbreitung
Erstes Judenhaus in Kriegshaber 1565 Widerstände
gegen weitere Ansiedlungen. Bau eines Judenhauses unter dem Vorwand eines
Zollhauses. Bild Ghetto mit Tauche und Synagoge
Sepultur: Freithofe 1350. 1627 Totenstätte Kriegshaber.
Widerstand. Wachshaus-Demolierung Prozeß bis zum Kaiser. Bilder vom
Friedhof mit Wachshäusel und 14 Grabsteinen 1660 ff. Holzgrabmal eines
Kodausch (Märtyrer), von christl. Hand ermordet. (Denkmal auf meine
Veranlassung in Glas gefaßt). Militärische Begleitung einer
Leiche eines bayer. Hoffaktors aus Kriegshaber von München nach Kriegshaber.
Überführung von Toten aus München und Wien (Wertheimer)
nach Kriegshaber.
Sakrales Kultgerät mit Bildern von Taß, Thora, kunstgesticktem
Thoramantel, Jad, Kether, Rimonium, Kopporeth, Araun-Hakadausch, Schotar.
Memorbuch mit Bildern: Th’fillach, Nekrolog.
Synagoge: Umbau im Empire-Stil. Münzfunde unter Synagogen-Grundmauer,
Dort auch Hockergrab, Ewig-Licht-Ampel. Von König Ludwig I. eigenhändig
unterschriebenes Synagogenprojekt für Kriegshaber. Mogen David. Innenaufnahme
von Synagoge. Bild vom jüdischen Feldgottesdienst 1870.
Tauche(mikwe) mit Bild.
Beschneidung (berit mila) mit Bild; auch christl. Missionäre
beschneiden in Angola. Ceremonie der Beschneidung, Beschneidungsgeräte
alt und neu. Doppelbecher mit Mochel.
Zwangstaufe eines auf der Gasse sterbenden Judenmädchens,
Exhumierung ihrer Leiche aus kathol. Gottesacker und Bestattung auf jüdischen
Friedhof.
IV. Ausstrahlung
Handel und Wandel: Ratsverfügung pro und contra. Bedeutende Rolle
der Juden auf Augsburger Reichstagen. Gestohlenes Christenkind. Ritualmord-Fabel.
Pfänder. Aussperrung. Einlaß. Warenhaus. Warentausch. Leipziger
Meßgäste. Widersprechende Stellungnahme der christlichen Kaufmannschaft.
Heereslieferanten. Fürstliche Pässe. Mendel’sche Handelskompanie.
Gleitgelder. Akkordjuden. Schulklopfer. Judenbriefträger. Günstige
Urteile über jüdische Handelstätigkeit. Hofjuden.
Münzlieferanten. Kreditoren des bayer. Staates. Salzlieferanten. Geldleihe.
Chronik des Ullmann von 1800 wegen jüdischen Verhaftungen (angebl.
Papiergeldschwindel). Sonderstellung Einzelner. Günstige Regierungsurteile.
Heereslieferungen und Leistungen großen Stiles. Pferde-, Waffen-,
Munitions-, Ausrüstungs-, Proviant- und Fourage-Absetzung eines jüdischen
Heereslieferanten der gleichzeitig die Festungen Altbreisach und Philippsburg
am Rhein sowie Rothenberg in der Oberpfalz und die Armee des Prinzen Eugen
in Italien beliefert hatte – eine ungeheure Leistung! – daraufhin antisemitische
Treiberei. Absetzung des Juden und Ernennung von christlichen „Admodiateuren“,
die aber versagten. Der Jude muß wieder gerufen werden. Jäher
Absturz der Handelskompanie. Mendel Protektor der bayerischen Judenschaft,
sein größter Einfluß bei Hof Amschel Isaak Goldschmidt,
kaiserlich-königlicher Hoffaktor. Frühester Kattunhandel. Verlagsindustrie.
Trucksystem. Weberstreike. Schwankende Haltung des Magistrats. Weberaufstand
veranlaßt durch Goldschmidts Einfluß 1794 (mit Bild)
Steile jüdische Aufstiegskurve: Augsburger Domizilgesuche.
Städtisches Ablehnungsprinzip durchbrochen. Bankfirmen. Börsenzulassung.
Bankier Kaula. Wechselgeschäfte. Übernahme von Stadt Augsburgischer
und bayerischer Staatsschuld. Immatrikulierte Handelsfamilien. Bild der
Nanette Kaula aus Schönheitskabinett des Königs Ludwig I.
Lippschütz‘sche Stiftung – auch zu Gunsten der christl.
Bewohner, Bild des Stifters.
Zur Judenfrage:pro et contra. Judentaufen. Namensänderungen.
Verständnis für Schulbildung. Gutes Einvernehmen mit christlichen
Bewohnern. Literarische Arbeiten von Juden aus K. im britischen Museum
London. Rassenproblem. Antisemitismus. Günstiges Werturteil des Augsburger
Regierungspräsidenten. Contigentierung.
Münze:„flavit Jehova et dissipasati sund“. Anhang:
Freiheitsbrief Kaiser Rudolph II. 1599. Belegung des jüdischen Friedhofes
seit Entstehung. Personen-, Orts- und Sachregister.
Die
teilweise
schwer lesbare gedruckte Vorlage ist handschriftlich mit dem Vermerk
"5.9.88
Herzliche Grüße Ihre Agnes Maria Schilling" versehen,
Blatt Eigentum von Alois Gumpinger Augsburg-Kriegshaber.
Frau Schilling erinnert sich, dass der Author ein Student war, der
diese Arbeit von L. Dürrwanger im Auftrag der jüdischen
Gemeinde Augsburg analysiert hat. Dieser 3. Teils von
Dürrwangers Doktorarbeit (um 1934 an der
Ludwig-Maximilians-Universität München eingereicht) wurde bis
jetzt nicht veröffentlicht. Der historische Nachlass von L.
Dürrwanger, den die Witwe von L. Dürrwanger dem Stadtarchiv
Augsburg vermacht hat, ist nach wie vor dort einzusehen.
Änderungsstand: 08-Okt-2009 11:00
Heinz Wember Augsburg